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Auf dem Foto ist Frau Magdalena Grzyb zu sehen. Sie hat eine rote Brille, dunkle Haare und trägt einen Schal um den Hals.

Einführung: Frau Grzyb hat Taube Eltern, kann aber selbst hören. Ihre Kindheit prägte das Leben in „zwei Welten“. Hörende Kinder Tauber Eltern bezeichnen sich als Codas. 

KSL-MSI-NRW: 

1. Herzlich Willkommen beim KSL-MSI-NRW. Vielen Dank für Ihre Bereitschaft und Ihr Kommen. Bevor ich weitere Frage stelle, möchte ich eine aktive Coda vorstellen. 

Magda Grzyb ist examinierte Sonderpädagogin und ehemalige Lehrerin für Taube und schwerhörige Kinder und Jugendliche, Gebärdensprachdolmetscherin, Coachin für Neurodivergenz und Bloggerin. Sie sind aktiv auf Instagram überwiegend zum Thema „Coda“. Können Sie uns zunächst etwas über Ihren Gebärdennamen erzählen und was dies überhaupt bedeutet? 

Antwort: 

Vielen Dank für die Einladung und Ihr Interesse, sich einen Einblick in das Leben von Codas zu verschaffen. Meinen Instagram-Account habe ich damals erschaffen, weil ich finde, dass sowohl hörende als auch Taube Menschen zu wenig über uns wissen. Obwohl wir beruflich und privat in zwei Welten aufwachsen, sind die Herausforderungen, mit denen wir in diese Welt geboren werden, nicht sichtbar. Auf Instagram gebärde ich alle meine Beiträge und Storys, da es ungewohnt ist, in eine Kamera zu sprechen. Meine ersten Berührungspunkte mit dem Handy und Kameraaufnahmen hatte ich mit meinen Eltern, als die Videotelefonie losging. Demnach habe ich stets in die Kamera gebärdet und das habe ich bis heute so beibehalten. Im Beitrag, in dem ich mich vorstelle, erwähne ich selbstverständlich meinen Gebärdennamen, der mich in der Deaf Community identifiziert. Es handelt sich um „visuelle Namen“ mit Merkmalen einer Person, die sie ausmachen. So zeigt mein Gebärdenname die polnische Gebärde für Pilz, da mein Nachname auf polnisch eben Pilz bedeutet. 

2. Das Leben und Aufwachsen in zwei Welten: Sie beherrschen Lautsprache und Gebärdensprache. Sie hören und sprechen und Sie nutzen Gebärdensprache. Wie haben Sie Gebärdensprache und wie haben Sie Lautsprache gelernt? Was würden Sie als Ihre Muttersprache bezeichnen? Sind Sie also Coda bilingual-bimodal aufgewaschen? Und welche Tipps haben Sie für hörende Eltern Tauber, schwerhöriger und Kinder, die ein Cochlea-Implantat tragen.

Antwort: 

Sprachen erlernen Kinder von Geburt an ganz natürlich. Es obliegt selbstverständlich der Art und Weise und auch der Menge an Kommunikation, die das Umfeld anbietet. Ein interaktives Sprachangebot ist in den ersten drei Lebensjahren enorm wichtig. Alle meine Familienmitglieder sind hörend, nur meine Eltern sind Taub. Da ich in den ersten drei Lebensjahren auch mit Großeltern, Tanten und Onkeln aufgewachsen bin, bin ich in den ersten drei Jahren zweisprachig aufgewachsen. Sowohl die polnische Lautsprache als auch polnische Gebärden wurden Teil meiner Kommunikation. Mit dem Umzug nach Deutschland lernte ich Deutsch sprechen und durch die Kontakte meiner Eltern auch immer mehr die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die sich unter meine vorhandenen Gebärden mischte. Unsere heutige Kommunikation ist intern allerdings weiterhin gemischt, da wir alle immer noch hier und da polnische Gebärden benutzen. Mein Sprachbewusstsein und auch die Verfeinerung meiner DGS entwickelte sich über die Jahre im Kontakt mit deutschen Tauben als auch in der Universität als ich Sonderpädagogik auf Lehramt studierte, wo DGS linguistisch unterrichtet wird. Hörenden Eltern rate ich, eine für das Kind zufriedenstellende Kommunikation zu ermöglichen. Bei Tauben, schwerhörigen und CI-versorgten Kindern bedeutet dies auf jeden Fall den Einbezug von Gebärdensprache. Es gibt gehörlose Kinder, die keinen Zugang zum gesprochenen Deutsch bekommen, weshalb die Eltern DGS lernen sollten, um langfristig mit dem Kind kommunizieren zu können.

Als ehemalige Lehrerin von Tauben Kindern mit überwiegend hörenden Eltern, weiß ich um die logistische Schwierigkeit, DGS zu erlernen. Dennoch halte ich es für zwingend wichtig, da man das eigene Kind sonst zu sehr aus dem Alltag ausschließt indem es vieles nicht mitbekommt, weil nur gesprochen, aber nicht gebärdet wird. Wie ich immer sage: Eltern wissen nicht zu 100% wie viel ihr Kind über welche Sprache wahrnimmt und auch verinnerlicht. Und sie wissen auch nicht, für welche Sprache sich ein Kind später entscheiden wird. Lässt man ein hörbehindertes Kind also nur über die hörbare Lautsprache aufwachsen, kann es durchaus sein, dass es sprachlich depriviert ist. Die psychischen und sozialen Folgen sind hier nicht zu unterschätzen. Deshalb empfehle ich, beide Sprachen anzubieten, so dass eine Kommunikation immer gewährleistet ist. Denn ein schwerhöriges oder ein CI-versorgtes Kind hört dann nicht mehr, wenn die Technik versagt. Gebärdensprache wird spätestens dann Kommunikation Nummer eins. 

3. Auf Instagram bin ich auf Perspektive des „Andersseins“ bei Codas aufmerksam geworden. Zudem habe ich auch weitere Begriffe gefunden, die eine „Andersartigkeit“ ausdrücken. Deshalb frage ich mal genauer nach: was bedeuten die Begriffe „Coda“, „Doda“ und „Doha“ und was stellen sie dar? Gibt es Gebärden für diese Begriffe?

Antwort: 

Das Wort „Coda“ gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten und wurde von Millie Brother in den USA ins Leben gerufen. Sie fand in ihrer Studienzeit durch eine Befragung unter Codas heraus, dass wir alle sehr viele sehr ähnliche Erfahrungen machen, die hörende Kinder von hörenden Menschen nicht machen. Kurz erwähnt sei als Beispiel die indirekte Diskriminierung behinderter Menschen, die wir als Kinder täglich hören und sehen. Codas sind wir Kinder, die also hören können, aber Taube Eltern haben. Coda bedeutet „Children of Deaf adults“. (Ein*e Coda ist man aber auch, wenn lediglich ein Elternteil Taub ist.) Viele Taube Kinder Tauber Eltern bezeichnen sich als „DODA“ (Deaf of Deaf adults). Sie machen teilweise ähnliche Erfahrungen wie wir Codas, da sie ebenfalls Taube Eltern haben. Obwohl DODAs in ihrer Kernfamilie überwiegend einsprachig kommunizieren, nämlich in DGS, leben sie ebenfalls in „zwei Welten“, da alle (fast) alle Menschen außerhalb hörend sind und keine Gebärdensprache nutzen. Die Kinder, die Taub geboren werden und hörende Eltern haben, was den Großteil Tauber Menschen ausmacht, werden als DOHA (Deaf of Hearing adults) bezeichnet. Sie machen dieselbe Erfahrung wie Codas eben nur andersherum. Ihr Leben spielt sich ebenfalls stets in „zwei Welten“ ab. Diese Begriffe sind in der Deaf Community noch nicht weit verbreitet. Es gibt auch Ablehnung gegen diese Begriffe, da sie als spaltend empfunden werden. Ich persönlich finde sie sehr nützlich, da sie schnell steckbriefartig abbilden können, in welcher Konstellation Menschen aufgewachsen sind. Sie sind für mich eine differenziertere Beschreibung von Personen. 

4. Welche Herausforderungen als Coda haben Sie in Ihrer Kindheit erlebt. Welche Bedürfnisse haben Codas, welche Unterstützung soll für Codas angeboten werden? Wie kann Identität Codas gestärkt werden? Was soll Gesellschaft über Coda und Taube Eltern wissen. Haben sie Tipps für Leser*innen? 

Antwort: 

Die Frage nach dem Unterstützungsangebot kann man leider nicht pauschal beantworten. Für ein gutes Aufwachsen ist Stabilität und Zuverlässigkeit, Nähe und Vertrauen sehr wichtig. Diese Faktoren können bei Tauben Menschen häufiger in Dysbalance geraten, da sie sozio-strukturell häufiger benachteiligt sind, was sich automatisch auf die Kinder auswirkt. Taube Familien haben die Möglichkeit, Unterstützungsleistungen zu erhalten. Diese können unterschiedlich aussehen. In vielen Familien ist bereits sozialpädagogische Familienhilfe (kurz: SPFH) zu finden, die beim Jugendamt beantragt werden kann. Sie unterstützt Familien in Krisen durch intensive Betreuung direkt im Alltag, um Erziehungskompetenzen zu stärken. Unter bestimmten Voraussetzungen gibt es auch die Möglichkeit, Persönliches Budget für Dolmetschleistungen, Fachkräfte mit DGS-Kompetenz oder Assistenzleistung zu beantragen. Das Persönliche Budget (kurz PB) wird eigenständig verwaltet, um barrierefreie Kommunikation im Alltag und in der Freizeit zu sichern. Damit nutzen Taube Menschen und Familien ihr Wahlrecht und gewinnen mehr Selbstbestimmung. Was die Identität von Codas stärken kann sind auf jeden Fall Begegnungen mit anderen Codas - und hier nicht zwingend die Freund*innen der Freunde der Eltern - und besonders auch erwachsenen Codas. Viele Codas denken z. B., dass sie keine Codas seien, weil sie nicht (gut) gebärden können, was absoluter Quatsch ist. Im Austausch mit anderen Codas sehen und erfahren sie zwar andere Lebenswelten, doch gibt es sehr viele Überschneidungen und Ähnlichkeiten. Eben die, die auch schon Millie Brother vor fast 40 Jahren festgestellt hat. Glücklicherweise gibt es mittlerweile auch einige Angebote für Kodas (Kids of Deaf adults, unter 18 Jahren) und Codas, die stets beliebter werden, da das Bewusstsein erfreulicherweise immer größer wird. Hier seien erwähnt: Coda Wochenenden, üblicherweise im Frühjahr und Herbst, das Koda-Camp, die Koda-Eltern-Woche in NRW (kurz: KodasTree), die Koda-Familienwoche in Bayern und als Veranstaltung gelegentlich der Coda-Eltern-Tag am letzten Sonntag im April. Gesamtgesellschaftlich werden wir Codas als hörende Menschen wahrgenommen und viele können sich dort auch privat und beruflich unbeschwert bewegen. Anders sieht es in der Deaf Community aus. Obwohl wir Kinder Tauber Personen sind, werden sind wir als Erwachsene in der Community nicht mit offenen Armen empfangen. Das finde ich persönlich sehr schade und bedauerlich, da wir eine Art „Taubes Gen“ in uns tragen und mit der Sprache und der Kultur Tauber Menschen aufwachsen. 

5. Taube-Eltern-Tag findet am letzte Sonntag Ende April jedes Jahr. Könnten Sie mehr über den Deaf-Parents-Tag sagen? 

Antwort: 

Trudy Schafer, eine us-amerikanische Coda, sagte im Juli 1994 bei der internationalen CODA* Conference, dass sie sich einen Tag wünschen würde, an dem wir Codas positiv ausgerichtete Geschichten über Kindheit und Jugend teilen (siehe Deaf Parents Day bei www.codainternational.org). Daraufhin entstand im Jahr 1996 der „Mother Father Deaf Day“, der nun jährlich am letzten Sonntag des Aprils - manchmal auch in Form von größeren Veranstaltungen - gefeiert wird. Es kommen dann viele Menschen zusammen wie Codas, deren Eltern, weitere Familienmitglieder, Freund*innen und Bekannte. Im Jahr 2021 wurde der Name in Deaf Parents Day umbenannt, was ich persönlich auch wieder kritisiere. Für mich impliziert der neue Begriff, dass beide Elternteile Taub sein müssen, was per Definition nicht der Fall ist. Ich bevorzuge sowieso den deutschen Begriffe „Coda-Eltern-Tag“, weil das Wort „Coda“ darin enthalten ist, was ich wegen des Ursprungsgedanken wichtig finde und aufgrund der Tatsache, dass wir so wenig im „Deaf Space“ vertreten sind.

*CODA wird dann groß geschrieben, wenn es sich um Vereinsangelegenheiten handelt.

Letzte Frage: Was wünschen Sie sich? 

Antwort: 

Das ist schwer in einen Satz zu fassen. Mein Wunsch ist, dass wir Codas von allen verstanden und akzeptiert werden; besonders von Tauben Menschen. Ein Satz, den ich oft denke und auch schon mehrfach Tauben Menschen gegenüber erwähnt habe, ist: „Wenige Taube Menschen engagieren sich nur dann für für K/Codas, wenn sie selbst eigene haben und sie deren Schwierigkeiten sehen. Sobald die Kinder erwachsen sind und das Haus verlassen haben, spielt das Thema „Coda“ auch in ihrem Leben keine Rolle mehr.“ Das finde ich sehr bedauerlich. Einen weiteren Wunsch, den ich ebenfalls hege, ist, dass sich die Wissenschaft deutlich mehr mit Codas beschäftigt. Dabei meine ich nicht den Laut- oder Gebärdenspracherwerb von Codas, worüber bereits Literatur zu finden ist, sondern unsere sozio-psychologische Situation im Aufwachsen mit behinderten Eltern, die oft selbst sprachliche Deprivation erlebt haben. 

Vielen Dank für Ihres Gespräch und Teilnahme am Interview. 

Ich danke Ihnen. 

 

Kontakt: Magda Grzyb

Anfrage für Vorträge: 

E-Mail: info@neurodivergenta.de 

Instagram: @codadhsmus 

 

Kontakt: Anna Cebulla

Fachbereich: Hörbehinderung

E-Mail: anna.cebulla@ksl-msi-nrw.de

Instagram: ksl_msi_nrw